WÜRDEMENSCHEN
Ein partizipatives KunstprojektJena 2019Jörg Amonat
Friedrich Schiller verfasste und veröffentlichte den Essay »Über Anmut und Würde« (1793) in Jena. Er betont darin die Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber der eigenen Würde. Schillers Aussage wirkt verglichen mit dem ersten Satz unseres Grundgesetzes fast provokant: auf der einen Seite ein vom menschlichen Wollen abhängiger Zustand, auf der anderen eine Eigenschaft des Menschen, die von Geburt an gegeben ist. Dieses Spannungsverhältnis zwischen Wesensmerkmal und Gestaltungsauftrag, das den Würde-Begriff in unserer westlich-abendländischen Tradition seit der Antike begleitet, war für mich einer der Impulse, die Würde des Menschen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Angeregt durch Schillers Essay entstand die Idee, ein Projekt zum Thema der Würde auf eine Stadt begrenzt zu entwickeln. Was denken die Bürger/-innen von Jena über die Würde? Mit dem Kunstprojekt WÜRDEMENSCHEN, das sich aus unterschiedlichen Modulen - Festveranstaltung zum Grundgesetzjubiläum, Text-Foto-Ausstellungen, Vorträge, Gesprächsgruppen, Workshops - zusammensetzt, möchte ich dem nachgehen. Trotz aller Differenzen und unterschiedlichen Perspektiven, die das Thema begleiten, verstehe ich die Würde als einen lebendigen Formprozess, der mich als Bildhauer besonders interessiert. Dieser Prozess ist unter ethisch-ästhetischen Gesichtspunkten eine künstlerisch-kreative Arbeit des Einzelnen an sich selbst und an der Gesellschaft.
Projektdurchführung
Die Festveranstaltung zum Grundgesetzjubiläum
Am Beginn des Projektes steht eine Festveranstaltung in der Jenaer Stadtkirche St. Michael am 23.05.2019, dem Tag vor 70 Jahren, an dem das Grundgesetz unterzeichnet wurde. Die Würde des Menschen ist unantastbar, dieser erste Satz des 1. Artikels wird im Mittelpunkt des Festaktes stehen, denn er prägt wie kein anderer den Geist unseres Grundgesetzes. Gemeinsam mit Vertreter/-innen der Thüringer Landesregierung, der Stadt Jena und den Kooperationspartnern des Projektes, soll dieses Jubiläum würdig begangen werden.
Die Ausstellungen der Text-Foto-Arbeit
Als Impuls für die Auseinandersetzung mit dem Thema stelle ich an neun verschiedenen Orten drei Fragen mit der Bitte, den Antworten ein Selbstporträt/Selfie beizufügen:
Gibt es Bereiche in Ihrem Leben, die Sie als besonders würdelos oder auch würdezerstörend betrachten? Haben Sie das Gefühl, diese Bereiche verändern zu können und ist es Ihnen schon einmal gelungen? Was würden Sie auf Grund Ihrer Erfahrungen als Ihre persönliche Würde bezeichnen? Bitte zeigen Sie in einem Selbstporträt/Selfie, wie Sie sich selbst in Würde sehen und von anderen gerne gesehen werden möchten. (Für Kinder werden die Fragen angepasst.) Beim Selbstbildnis ist zentral, wie die Person sich selbst in ihrer Würde sieht und von anderen gerne gesehen werden möchte. Es soll dem Selbstverständnis entsprechen und diesen Aspekt des Themas bildlich darstellen. Kriterien können hierbei die eigenen Normen und Werte sein, mit dem Ziel, diese in eine Übereinkunft mit dem »Bild« zu bringen, das man selbst von sich hat. Der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wer sich nicht selbst abbilden möchte, kann auch metaphorisch arbeiten. Mit den Antworten und den Selbstbildnissen gestalte ich einzelne Tafeln, für jede Person eine Tafel in der Größe von 80 mal 60 Zentimeter, die dann an den jeweiligen Orten in einer Ausstellung präsentiert werden.
Die Gespräche und Gesprächsgruppen
Die Praxis hat gezeigt, dass die drei gestellten Fragen oft nicht sofort beantwortet werden können, sondern dass sie einen Gedankenprozess auslösen und das Bedürfnis, darüber in ein Gespräch zu kommen. Die Gesprächsgruppen mit maximal zehn Teilnehmer/-innen finden an den jeweiligen Orten statt. Die moderierten Gespräche können unterschiedliche Schwerpunkte haben, die durch die Gruppen selbst festgelegt werden. Den Prozess und die Ergebnisse halte ich gegebenenfalls in Schaubildern fest, die zusammen mit den Text-Foto-Tafeln präsentiert werden und die Ausstellungen ergänzen. Die Form des Gesprächs passt sehr gut zum Würde-Thema: Beide beruhen auf einem dialogischen Prinzip. Singulär existieren weder die Würde noch das Gespräch.
Die Workshops
Ein Bestandteil des Projektes sind Workshops mit Jugendlichen, in denen wir die aktuelle Selfiekultur reflek - tieren. Ein Ziel ist die Sensibilisierung dafür, dass sich unser Denken im Selfie abbildet. Das Selfie bietet also eine gute Gelegenheit, das Thema Würde bildlich umzusetzen. Gemeinsam mit den Fachlehrer/-innen des Ethik-, Kunst- und Religionsunterrichts werde ich ein Schulprojekt zum Thema Würde konzipieren, das zu Beginn des Schuljahres 2019/20 durchgeführt wird.
Die Vorträge
Die schöpferisch-kreative Auseinandersetzung mit dem Thema, etwa in den bewusst gestalteten Selbstporträts, wird neben den Einzelgesprächen und Gesprächsgruppen auch durch Vorträge begleitet.
In den Vorträgen werden Themen berücksichtigt, die auf aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen eingehen, wie auf das Verhältnis von Mensch und Tier oder Mensch und Maschine. Aber auch Themen, die grundsätzliche Debatten aufnehmen, sollen zum Nachdenken anregen: etwa, ob die Stellung des Menschen jenseits des Anthropozentrismus zu einer Neuinterpretation oder sogar Revidierung des Begriffs der Menschenwürde führen kann.
Projektziele
Ziele des Projektes sind:
• das Potential des schöpferischen Prozesses herauszustellen: dass wir unsere Würde, egal aus welcher Perspektive wir sie betrachten, gestalten können und müssen.
• die Aktualität der Würde im alltäglichen Miteinander bewusst zu machen. Überall und täglich wird Würde verletzt, meist so subtil, dass es gar nicht bemerkt wird und sich als Alltagsnormalität etabliert. Insbesondere möchte das Projekt das Nachdenken darüber befördern und dazu anregen, Alltagssituationen als kreativ gestaltbar zu erleben.
• auf die positive Wirkung von Würde aufmerksam zu machen: sie als Kraft zu erfahren, die Selbstbewusst sein schafft und stärkt.
• die aktuelle Selfiekultur in Beziehung zur Würde des Menschen zu setzen und Kinder und Jugendliche dafür zu sensibilisieren, dass sich auch im Selfie die Würde des Menschen abbildet.
• die unterschiedlichsten Menschen, auch die am Rand unserer Gesellschaft, mit dem Thema zu erreichen. Denn überall dort, wo Menschen ausgeschlossen sind, wird ihre Würde angetastet.
Ich wünsche mir, dass diese weitverbreitete städtische Auseinandersetzung mit der Würde nicht mit dem Projekt endet, sondern Spuren hinterlässt. Wenn Jena nachhaltig als Stadt der Würde wahrgenommen wird, wäre dies eine gute Ergänzung zum Zivilcouragepreis.